Gastkommentar

   

Kapitalmärkte, Nanomärkte, ein paar Bemerkungen...


Dr. Thiemo Lang, Activest

September 2003


Kapitalmärkte, Nanomärkte, ein paar Bemerkungen...

Dr. Thiemo Lang, Activest
September 2003


Seit unserem letzten Kommentar in nano-invests.de vom April diesen Jahres haben die Aktienmärkte eine beeindruckende Kehrtwende hingelegt. Der Wegfall von Belastungsfaktoren wie Irak-Krieg und SARS haben in Verbindung mit neu auflebender Konjunkturhoffnung zu einem sehr positiven Börsenumfeld geführt. Insbesondere die zuvor sehr gedrückten Technologiewerte konnten hiervon überdurchschnittlich profitieren.

Inwieweit und in welchem Umfang die von den USA initiierten massiven fiskalpolitischen Stimulierungsmaßnahmen tatsächlich zu einem nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung führen werden, bleibt abzuwarten. Sehr bedenklich stimmen auf jeden Fall die damit einhergehenden zunehmenden Handelsungleichgewichte. So wird alleine das für das nächste Jahr prognostizierte Leistungsbilanzdefizit der USA nach derzeitigen Schätzungen bei weit über 600 Mrd. Dollar liegen.

Auch eine allgemeine Konjunkturerholung und die jetzt wiederkehrende "second half-itis" (das sind saisonal unterstützende Effekte in der zweiten Jahreshälfte, welche einen stärkeren Aufschwung suggerieren als tatsächlich vorhanden...) können nicht verbergen, dass die großen Wachstumstreiber der 90er-Jahre (Mobilfunk, IT-Infrastruktur) langsam in die Sättigung gehen ("Ersatzbeschaffungsmarkt", charakterisiert durch fehlendes "top-line" Wachstum). Die IT-Branche wird das starke "top-line" Wachstum der 90er-Jahre mit Wachstumsraten, die um den Faktor 4-5 höher lagen als die Wachstumsrate des Bruttosozialproduktes, auch bei insgesamt gefälliger Konjunkturentwicklung wohl nicht wiederholen können.

Nanotechnologie als neuer Wachstumstreiber?

In Zusammenhang mit dem Nachlassen bisheriger Wachstumstreiber wird oft die Nanotechnologie als die nächste große Welle dargestellt, welche für neue Innovationen sorgen wird. Wir glauben, dass es sicherlich noch zu früh ist, der Nanotechnologie heute schon eine gesamtwirtschaftliche "Konjunkturmotorfunktion" zuschreiben zu wollen. Unbestritten hingegen ist die Tatsache, dass gerade in dem gegenwärtigen "top-line" schwachen Wirtschaftsumfeld Unternehmen in den verschiedensten Bereichen über nanotechnologische Produktverfeinerungen die Möglichkeit haben, Produktdifferenzierung und damit steigende Umsätze (und damit auch hoffentlich steigende Erträge!) erzielen zu können.

Nanotechnologie ist für die Unternehmen jedoch kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Das heißt: Die Unternehmen sind immer an einer konkreten Produktumsetzung interessiert, mit Hilfe derer sie gewisse Endmärkte bedienen wollen. Geradezu "instinktiv" merken sie so in den unterschiedlichsten Bereichen der Materialwissenschaften, der Energie-/Umwelttechnik, der Elektronik oder der Biotechnologie, dass zunehmend nur über ein besseres Verständnis des molekularen Verhaltens von Materie Produktwertschöpfung erzielt werden kann. Jedoch gilt aber auch: Oft ist es gar nicht notwendig oder wirtschaftlich machbar, dem Produkt eine "Nanoverfeinerung" angedeihen zu lassen (so genügt zuweilen etwa eine "Mikrostrukturierung"). Das Unternehmen hat hier immer unter Markt- und Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen die jeweiligen Produktentscheidungen zu fällen.

Die zur Herstellung der entsprechenden Produkte notwendigen nanotechnologischen Verfahren und Prozesse sind so divers und mannigfaltig wie die adressierten Endmärkte selber. Es ist heute noch nicht deutlich absehbar, ob und wie sich auf Zeit eine Art gemeinsame "Nanotech-Prozessplattform" herausbilden wird, wo gewisse standardisierte Nano-Methoden und Verfahren in den unterschiedlichsten Endmärkten Anwendung finden können. Eine gewisse Konvergenz der angewandten Methoden ist jedoch wahrscheinlich. So werden zum Beispiel die ursprünglich für die Halbleitertechnologie entwickelten Rasterkraftmikroskope inzwischen nicht nur zur Visualisierung nanostrukturierter Oberflächen aller Art angewandt, sondern sogar zur gezielten Manipulation einzelner Basenpaare der DNS.

Derzeit ermöglichen die "Nanoverfeinerungen" den Unternehmen in den meisten Fällen eher "inkrementelle" Umsatzsteigerungen, auch wenn sich der dadurch "adressierbare Markt" in der Regel vergrößern dürfte. Mittel- bis langfristig dürften etwaige "Technologieumbrüche" (welche heute noch nicht absehbar sind, siehe beispielsweise die Entwicklungen im Bereich der Selbstorganisation) durchaus auch stärkere Marktverwerfungen hervorrufen. So ist es auch zum Beispiel durchaus denkbar, dass über Nano-Verfeinerungen verschiedenster Art die bisherigen Möglichkeiten der Energiegewinnung, -umwandlung und -speicherung einen bedeutenden Innovationsschub erfahren werden, welche etwa einen Neuausbau unserer Energieinfrastruktur zur Folge haben könnte. In diesem Falle würde die Nanotechnologie als klassische "Enabler"-Industrie es ermöglichen, dass ein "top-line" Infrastrukturausbau wieder in Angriff genommen wird - in Analogie zu dem in den 90er-Jahren erfolgten Mobilfunk- und IT-Infrastrukturausbau, welcher erst durch die Fortschritte in der Halbleitertechnik möglich wurde.

Was ist eigentlich "der Nanotech-Markt"?

Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten erscheint es wenig hilfreich oder gar irreführend, wenn gewisse Marktforschungsinstitute und Dachorganisationen sich geradezu überbieten wollen bei der Abschätzung des sogenannten "Nanotech-Marktes". So schätzt etwa die National Science Foundation (USA) den "Nanotech-Markt" im Jahre 2010 auf $1 Billion (eine Billion, nicht Milliarde!).

Es gibt jedoch nicht DEN "Nanotech-Markt", sondern "nur" die unterschiedlichsten Teilmärkte mit den unterschiedlichsten Marktdynamiken und Ausprägungen. Darüber hinaus beinhalten diese Zahlen in der Regel den Markt des entsprechenden Endproduktes, wobei der darin enthaltene Nanotech-"Wertschöpfungsanteil" nur Teil der Gesamtwertschöpfung darstellt und entsprechend schwieriger zu quantifizieren ist. Beispiel: Schon heute können gewisse Produkte zum Teil nur noch wegen ihres "Nanotechinhaltes" verkauft werden - wie die Schreib-/Leseköpfe heutiger Festplattenspeicher, welche allesamt auf dem mit magnetischen Nanostrukturen erzeugten GMR-Effekt beruhen. Der Gesamtmarkt GMR-basierter "Endprodukte" beträgt weltweit über $40 Mrd., doch was für Aussagen hinsichtlich des Nanotech-Wertschöpfungsanteils können hieraus wirklich gezogen werden?

Soll in die Nanotech-Marktstudie ebenfalls der Hersteller von Sanitärkeramik aufgenommen werden, welcher über nanostrukturierte Oberflächen schmutz- und/oder kalkabweisende Waschbecken, Badewannen, etc. anbietet? Wie groß ist hierbei wirklich der Nanotech-Wertschöpfungsanteil des Keramik-Gesamtproduktes, auch wenn das Gesamtprodukt vielleicht auf Zeit nicht mehr ohne Nanostrukturierung verkauft werden könnte?

Andere Fragestellungen berühren zum Beispiel die Halbleiterindustrie (immerhin eine Branche mit geschätzten $160 Mrd. Umsatz in 2003). Schon heute beträgt die physikalische Transistorlänge eines Pentium IV Prozessors etwa 65 nm. Muss die Halbleiter-Branche, welche bei Beibehaltung herkömmlicher Herstellungsmethoden in den nächsten 10-15 Jahren zunehmend an die physikalischen Grenzen der Transistor-Funktionstüchtigkeit stoßen wird (was eine zunehmende Integration neuer Prozess- und Produktionsschritte aus dem Bereich der Quanten- und Molekularelektronik erforderlich macht), nicht schon bald gesamt - quasi "von null auf hundert" - in die Statistik des Nanotech-Marktes im Untersektor "Nanoelektronik" aufgenommen werden?

Es wird deutlich, dass aufgrund der Heterogenität des Nanotech-Marktes, des "Teilwertschöpfungsaspektes" der Nanotech-Wertschöpfung, sowie aufgrund der zum Teil bloßen "Neuverbuchungen" bestehender Märkte in "Nanomärkte" eine sinnvolle Beschreibung der Dynamik der unterschiedlichen Nanotech-Aktivitäten schwer möglich ist. Auch die andere Option, die "adressierbaren Gesamtmärkte" aufzulisten, macht wenig Sinn, da hierbei auf Zeit wohl ganz einfach wesentliche Bestandteile der gesamten Volkswirtschaften einzubeziehen wären.

Zusätzliche Wertschöpfung durch Nanotechnologie ausschlaggebend

Für das Einzelunternehmen (wie auch für den Investor!) wesentlich bedeutsamer als grobe "top-down" Marktstudien ist die präzise Frage nach einer durch Nanotechinnovationen generierbaren zusätzlichen Wertschöpfung des einzelnen Unternehmens (in Form höherer Preise nebst hoffentlich höherer Margen). Reicht diese Wertschöpfung aus, eventuelle Wertvernichtung in bisherigen Unternehmensaktivitäten mehr als aufzuwiegen? Und: Wird dieses Unternehmen seinen über Nanotechinnovationen erzielten Produktvorsprung auch über einen längeren Zeitraum wird halten können (hohe Eintrittsbarrieren!)? Im Falle des Sanitärkeramikherstellers wären hierbei wohl Zweifel angebracht...

Beim Übergang der Analyse eines Einzelunternehmens zu einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtungsweise fällt schnell auf, dass die Auswirkungen der Nanotechnologie auf einzelne Branchen sehr unterschiedlich sein können: es werden neue Branchen entstehen, welche Nanotech-Prozess-Know-How entwickeln, anwenden oder lizenzieren (und davon profitieren), vormalig als "saturiert" geltende bestehende Branchen werden eine gewisse Revitalisierung erfahren, andere Branchen jedoch werden sicherlich auch negativ beeinflusst werden (wie etwa die Reinigungsmittelindustrie). Sind die mittel- bis langfristigen Auswirkungen der Nanotechnologie auf die einzelnen Branchen bisher zugegebenermaßen erst in Ansätzen erahnbar, so wird zumindest deutlich, dass es sich wohl auf Dauer kein Unternehmen im produzierenden Gewerbe wird leisten können, diese "Enabler"-Technologie nicht zu verfolgen, um entsprechend zeitgemäß reagieren zu können. Gegenwärtig lassen sich die Nanotechinnovationen eher noch als "evolutionäre" Weiterentwicklung bestehender Produkte durch Nanotech-Verfeinerung charakterisieren. Die Erschaffung gänzlich neuer Endprodukte bzw. Märkte ist, wie oben ausgeführt, durch entsprechende Technologiesprünge zukünftig absolut denkbar. Was wir heute schon sehen, ist der Aufbau einer zugegebenermaßen noch jungen "Nanotech"-Enablerindustrie, charakterisiert durch Firmen, welche sich Prozess- und Analyse-Know-How bei der Erstellung nanoskaliger Strukturen angeeignet haben, und dies schon entsprechend weitervermarkten.

Aus dem bisher Gesagten ist abzuleiten, dass Nanotechnologie sich insbesondere für den mittel- bis langfristig orientierten Investor eignet. Die Nanotechnologie ist eher ein Trend über die nächsten Jahrzehnte, als über die nächsten Jahre. Auch wenn kurzfristige Spekulationsblasen jederzeit denkbar sind, werden diese vor dem Hintergrund der eher langen Entwicklungszeiträume nicht von Bestand sein. Dauerhafter Erfolg an der vermuteten "Nanotech"-Wertschöpfung wird sich unserer festen Überzeugung nach nur an einer strategischen Beteiligung über einen langen Zeitraum einstellen - am besten in Form einer Beteiligung an unserem Activest Lux NanoTech in Form eines Fondssparplans...